Uwe Gensheimer

Abschied und Aufbruch

Aus der Handball Inside #57 3/2024

2. Juli 2024

Ab Sommer beginnt für Uwe Gensheimer ein neues Kapitel. Seinem Herzensverein, den Rhein-Neckar Löwen, bleibt er weiterhin treu. Ein Ortsbesuch in Mannheim – verbunden mit einer Zeitreise.

Es ist ein verregneter Dienstag. Für Ende Mai ist es ziemlich kühl und Mannheim sieht bei Nieselregen genauso wenig freundlich aus, wie neunzig Prozent der deutschen Städte. Niemand trödelt. Menschen laufen schnellen Schrittes und versuchen sich mit zusammengezogenen Schultern irgendwie noch schmaler zu machen. Mit gesenk-tem Kopf und angespannter Haltung stemmt sich jeder gegen den Wind, der im Drei-Sekundentakt seine Richtung ändert. Gestern war noch Sommer – heute ist gefühlt wieder Spätherbst. Verrückt.
Uwe Gensheimer wirkt in diesem grauen Wetter-Eintopf fast unwirklich. Sein breites Grinsen fällt schon aus der Ferne auf. Gut gelaunt und dynamisch schreitet er über die Straße, der lässige Hoodie, den er trägt, wirkt wie ein Kokon. Er fühlt sich wohl in seiner Haut, das sieht man ihm an. Und es scheint, kein noch so rauer Wind kann ihm etwas anhaben.
Gensheimer liebt es, wenn ein Plan funktioniert. Und das hat er. Nach einer gefühlt nie enden wollenden Rehabilitation hat sich der 37-Jährige gerade wieder auf das Handball-Parkett zurückgekämpft. Die mehrmonatige Zwangspause nach der Knieoperation war körperlich notwendig, mental allerdings einfach zu lang. Nach dem Entschluss, seine Karriere nach der Saison zu beenden, wollte sich Mannheims Star von seiner Mannschaft und den Fans unbedingt auf dem Spielfeld verabschieden, die Rückkehr war also schon mal geschafft. Ins Training stieg der 37-Jährige Anfang März ein, sein Comeback in der Liga gab er nach kurzen Rückschlägen einige Wochen später.
Auf jeden Fall wird er sowohl beim letzten Heimspiel am 30. Mai gegen Magdeburg als auch bei seinem allerletzten Ligaspiel am 2. Juni in Hannover noch einmal seine spektakulären Tore werfen, bevor er seine geliebten Handballschuhe auszieht …
So ein richtiges „Tschüss“ ist es ja nicht, eher ein „Auf Wiedersehen“, denn die ewige Nummer Drei der Löwen bleibt seinem Herzensverein in anderen Funktionen erhalten. Weniger Kabine, mehr Schreibtisch. Wie es dann genau weitergeht, weiß er nicht. Aber bestimmt ganz anders.

 „Gerade fühlt sich die Situation aber viel finaler an, jetzt ist es ein richtiger Abschluss.“

NEUE ROLLE

Es ist das erste Mal, dass Gensheimer keine Sommerurlaubspläne schmiedet. Eigentlich ungewöhnlich für einen Leistungssportler, der über Monate in allen Wettbewerben Blut, Schweiß und Tränen für den Erfolg gibt und nach dem letzten Spiel der Saison normalerweise nur noch den Wunsch nach Ruhe, Erholung und Sonnenschein hegt. Bei Gensheimer ist es jetzt anders. Am 2. Juni, nach dem letzten Bundesliga-Spiel, geht nicht nur seine aktive Hand-ballkarriere zu Ende. An dem Tag beginnt auch schon direkt die Vorbereitung auf das nächste Kapitel: die Aufgabe als Sportlicher Leiter der Rhein-Neckar Löwen.

Die neue Signatur auf der Visitenkarte gab es nicht geschenkt. Der Handballer mit BWL-Studium – Thema der Bachelor-Arbeit: Social Media-Marketing im Spitzensport am Beispiel Uwe Gensheimer – wurde von seinem neuen/alten Arbeitgeber auf Herz und Nieren geprüft. „Wir haben für Uwe ein richtig intensives Assessment mit mehreren Runden vorbereitet. „Mir war es wichtig, eine Persönlichkeit in der Position zu haben, die sich nicht nur als Sportler bewiesen hat, sondern auch andere Qualitäten mitbringt“, so Geschäftsführerin Jennifer Kettemann, „Uwe hat sich hervorragend geschlagen.“

Mit dem Job in der Tasche, konzentriert sich die Identifikationsfigur Nummer Eins der Löwen allerdings noch voll auf das Bundesliga-Business. Doch unter den sportlichen Ehrgeiz mischt sich bereits etwas Nostalgie.

„Klar blicke ich schon zurück, das passiert automatisch“, sagt der Handballer, „ich denke an die ersten Schritte, an die Spiele in Eppelheim, an den Umzug in die SAP Arena.“ Während Gensheimer im Schnelldurchlauf seine eigene Geschichte erzählt, galoppieren wir gleichzeitig durch die 22-jährige Aufstiegs-Historie der Rhein-Neckar Löwen. Aus einem „Projekt“ wuchs Tradition. Es ist erstaunlich, wie eng verwachsen der langjährige Kapitän mit seinem Club ist. „Das ist aber auch das Besondere“, sagt der Mannheimer sichtlich stolz.

Einen ähnlich sentimentalen Moment, um Revue passieren zu lassen, gab es für Gensheimer schon vor fünf Jahren. Im Sommer 2019 brach er, als bester Linksaußen der Welt, dessen großartige Karriere sich bis dato in einem Radius von 20 Kilometern abspielte, auf, um die Welt kennenzulernen, deren Arenen er alle längst schon erobert hatte. „Das war auch ein emotionaler Abschied, keiner von uns wusste, ob ich in Paris bleibe, von dort weiterziehe oder wiederkomme. Gerade fühlt sich die Situation aber viel finaler an, jetzt ist es ein richtiger Abschluss.“

Die Entscheidung, „die Kempas an den Nagel zu hängen“, war ein Prozess. „Wenn du mit Jungs in der Kabine bist, die 20 Jahre jünger sind, dann weißt du Bescheid“, sagt Gensheimer und lacht. Das Umfeld, die Sprache, die Musik und die Themen im Mannschaftsbus halten einen sicherlich auch jung, aber sie spiegeln auch immer wieder das eigene Lebensgefühl. Und dieses Gefühl sagte ihm im vergangenen Herbst: Am Ende der Saison ist Schluss.

„Meine Verletzungshistorie spielte dabei sicherlich auch eine Rolle.“ Der Nummer Drei der Löwen wird von vielen Weggefährten eine absolute Führungspersönlichkeit bescheinigt. Er gehe gerne in jeder Situation, aber beson-ders auf dem Spielfeld, mit gutem Beispiel voran. „Wenn es allerdings körperlich nicht möglich ist, weil du nach dem Spiel aus der Halle schleichst und deine Achillessehne drei Tage lang wehtut, du dich durch die Woche kämpfst, um nach einem einzigen Abschlusstraining wieder spielen zu können, dann kann man dem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Das ist auf Dauer ein unbefriedigendes Gefühl!“ Uwe, der Weltklasse-Linksaußen, will das nicht. Er hat jetzt fertig.

 „Sowas prägt dich, das kannst du nicht mit Erzählungen oder Kabinen-Ansprachen mitgeben. Das musst du erleben“.

ABSCHIEDSTOUR

Während er seine Abschiedsrunde durch die Hallen der Bundesliga dreht, fallen ihm etliche Highlights, aber auch mehrere „Lowlights“ ein: „Ich stand vor ein paar Tagen auf dem Spielfeld in Gummersbach und dachte noch, hier hatte ich den schlimmsten Sieg meines Lebens.“ Am letzten Spieltag der Saison 2013/14 lieferten sich die Löwen mit den Zebras ein Fernduell um Platz 1. Nach 60 Minuten hatte Kiel die Nase vorn und gewann die Deutsche Meisterschaft mit nur zwei Toren Vorsprung. So knapp war es noch nie.

„Im Nachhinein betrachtet, hat uns diese Situation aber noch viel enger zusammengeschweißt.“ Mit den Erfahrungen aus dieser Enttäuschung legte die Mannschaft einen wichtigen Grundstein für die Meisterschaft 2016. Der Fokus wurde für jedes einzelne Spiel noch mehr geschärft. „Sowas prägt dich, das kannst du nicht mit Erzählungen oder Kabinen-Ansprachen mitgeben. Das musst du erleben.“ Die Löwen wollten unbedingt die Schale: „Jetzt erst recht!“

Zwei Jahre später war es dann so weit. Ein unbeschreibliches Gefühl! Dass er diesen „ganzen Wahnsinn“, das emotionale Feuerwerk, verbunden mit dem kollektiven Ausflippen einer ganzen Region, womöglich viel häufiger hätte erleben können, wenn er seinen Heimatverein schon in jungen Jahren Richtung Kiel verlassen hätte, beschäftigt den 37-Jährigen im Nachhinein nicht. Oft genug haben andere Clubs um ihn gebaggert, lockten ihn mit viel Geld und der Aussicht auf größere sportliche Erfolge. Die Entscheidung für die Löwen traf er jedes Mal bewusst und mit seinem Herzen.

„Klar sind Titel und Medaillen ein wichtiger Antrieb für alles. Du trainierst ja hart, um letztlich etwas zu gewinnen. Doch ich wäre nicht derselbe Spieler und dieselbe Persönlichkeit, wenn ich irgendetwas anders entschieden hätte. Ich bin mit meiner Karriere sehr glücklich und froh darüber, wie alles gelaufen ist.“ Er hat im Löwenrudel in jungen Jahren schon Verantwortung bekommen und wuchs in seine Rolle regelrecht hinein. „Es ist ja der schwierigere Weg, etwas zum ersten Mal mit einem Club zu gewinnen, eine Gewinner-Mentalität zu implementieren, die es vorher nicht gab.“

Während Gensheimer erzählt, wie es sich anfühlt, nach einer Achillessehnenverletzung nicht nur ein Comeback zu schaffen, sondern gleich den EHF-Cup mit dem Verein zu gewinnen, bringt ihm die Kellnerin des Restaurants gerade eine hausgemachte Limonade. Die junge Frau lächelt etwas verlegen, es ist ganz offensichtlich, dass sie den Handballer erkennt. Gensheimer bedankt sich freundlich und lächelt zurück. Die Situation kennt er gut, ganz anonym bleibt er in seiner Geburtsstadt selten – Mannheim ist seine Hood.

Ein ganz anderes Kapitel startete der Chef-Löwe im Sommer 2019. „Da war meine größte Intention, die Champions League zu gewinnen. Das habe ich dann nicht geschafft“, sagt er und lacht. Als er den Vertrag beim französischen Erstligisten unterschrieb, kannte er sich weder in der Stadt, noch in der Liga aus. Alles war komplett neu, auch die Sprache war ihm fremd. „Trotzdem fühlte sich die Entscheidung absolut richtig an.“ Gensheimer wollte sich in einer neuen Situation, in einem neuen Umfeld zwischen Stars wie Thierry Omeyer, Mikkel Hansen und Nikola Karabatic beweisen und sprang ins kalte Wasser. „PSG hatte die beste Mannschaft der Welt, ich wollte ein Teil davon sein.“ Gensheimer musste plötzlich täglich den Nachweis erbringen, weshalb man ihn geholt hatte, und er liebte diesen Druck. Die Umstellung, so schien es, gelang im Eiltempo. Der Deutsche lernte schnell die Sprache, erkundete privat die Zwei-Millionenstadt, wurde Torschützenkönig der französischen StarLigue und gewann selbstverständlich die Meisterschaft. Touché.

 „Er hatte einen extrem großen Einfluss auf mich.“

IM SCHEINWERFERLICHT

Gensheimer war jetzt auf dem absoluten Höhepunkt seiner Popularität. Auf den Erfolgs-Export „Made in Germany“ waren Fans und Medien hierzulande gleichermaßen stolz. Dass 2017 auch die Handball-Weltmeisterschaft in Frankreich stattfand, machte Gensheimer, den deutschen Kapitän, als Person noch spannender. TV-Teams besuchten ihn, Anfragen der Journalisten erreichten ihn täglich. Doch wie umgeht man den Trubel und das Licht der Öffentlichkeit, wenn man plötzlich eigentlich nur Ruhe braucht? Wenn private Momente viel bedeutender sind als ein Interview? Wie verhält man sich in der Mixed Zone, wenn man trauert?

„Ehrlich gesagt, wusste ich damals nicht, was richtig oder falsch ist“, sagt Gensheimer mit tiefer Stimme. Die Rede ist vom plötzlichen Tod seines Vaters. Der DHB-Kapitän war über Silvester auf Stippvisite in seiner Heimat, bevor er sich der Nationalmannschaft anschloss.

Ein paar Tage später, irgendwann beim Mittagessen am Sonntag, klingelte Ehefrau Sandra per Handy Sturm und überbrachte die schreckliche Nachricht. „Ich bin auf dem Flur weinend zusammengesackt.“

Die kommenden Tage, die Behördengänge, den Papierkram, das alles erlebte Uwe Gensheimer wie unter Wasser. Auf den Schock folgte großer Schmerz und der war einfach allgegenwärtig. Bei der Weltmeisterschaft 2017 in Frankreich hat Uwe Gensheimer gespielt. Abgeschirmt von Fragen der Journalisten. Auf dem Feld ackerte er für sein Team – hinter den Kulissen kullerten Tränen. Warum tut er sich das an, fragten sich viele. Der DHB hat die Entscheidung dem Kapitän überlassen. Und Gensheimer hörte auf seine Mutter, die sagte: „Papa hätte gewollt, dass Du spielst.“

Seinen 33. Geburtstag hat Gensheimer wieder in Mannheim gefeiert. Uwe, der Rückkehrer, war jetzt ein anderer, ein neuer Mensch. Die Station Paris hat seinen Blick auf die Welt geöffnet, gleichzeitig sein Selbstbewusstsein gestärkt und ihn noch mehr für seine Teamkollegen sensibilisiert. Ob Hilfe bei den Behördengängen oder Unterstützung bei der Wohnungssuche, gerade bei den Neuzugängen –der Kapitän, der zurück kam, war viel mehr Teamleader als der, der drei Jahre zuvor davonzog.

Beim doppelten Espresso erzählt Gensheimer über die vielen großen Trainerpersönlichkeiten, die ihn über all die Jahre während seiner langen Karriere begleitet haben. Von Noka Serdarusic, Nikolaj Jacobsen oder Raul Gonzales hat er viel gelernt. Natürlich. Aber die echten Lektionen fürs Leben verbindet er mit Juri Schewzow. „Er hatte einen extrem großen Einfluss auf mich.“ Gensheimer wusste, dass der Trainer auf ihn, auf das junge Talent, baut. Dennoch kam es oft vor, dass er nach einem Spiel, in dem er sieben Tore geworfen hatte und dachte, er sei „der Größte“, am nächsten Tag von Schewzow „vor der versammelten Mannschaft komplett zusammengeschissen“ wurde. „Er sagte: Ja Uwe, super Tore, aber da ein Fehler in der Abwehr und dort hast Du auch was komplett falsch gemacht, am Ende war ich so bei plus minus Null.“ Schewzow wollte den Jungen mit dem Gummihandgelenk auf den Boden zurückholen und ihm mitgeben, dass es im Leben und im Mannschaftssport auch auf ein paar andere wesentliche Dinge und Werte ankommt. Er hat auf jeden Fall gute Arbeit geleistet. Denn wenn die Straßenbahn, die vor der Schule im Zehnminuten-Takt hin- und herfährt, mit dem Konterfei eines Zwölftklässlers beklebt ist, besteht definitiv die Gefahr zum Abheben.

Gensheimer hebt bis heute höchstens für einige seiner spektakulären Tore ab. Als Mensch ist er immer auf dem Boden geblieben. Wenn man ihn fragt, was die größte Anerkennung in seiner Karriere ist, nennt er nicht Titel oder persönliche Auszeichnungen. „Wenn dir Kinder begeistert erzählen, dass sie wegen dir mit dem Handballsport angefangen haben, ist das die beste Bestätigung überhaupt.“ Dass sein Mannschaftskollege Jannik Kohlbacher seit seiner Jugend ein Trikot von ihm besitzt und seine Würfe von Nationalspielern wie Rune Dahmke und Marcel Schiller imitiert werden – auch das ist ein echtes Kompliment.

Anfang Februar 2025 schnürt der zukünftige Sportchef dann seine Handballschuhe noch ein letztes Mal. Bei seinem großen Abschiedsspiel soll offiziell der Spaß im Fokus stehen. Doch Gensheimer wäre nicht Gensheimer, wenn er im Kreise seiner Freunde und Weggefährten ohne sportliche Ambitionen an den Start gehen würde. Wenn der Wunsch-Cast der Fans mit den Edel-Pensionären Karabatic, Hansen, Schmid und Co. in die SAP Arena einläuft, sollten sich die Löwen schon beim Anblick dieser Rentner-Truppe warm anziehen.

Zita Newerla