Hampus Wanne

Hampus Wanne

Vom Streben nach Unsterblichkeit

06. Mai 2021

Hampus Wanne hat im Trikot der SG Flensburg-Handewitt bereits alles gewonnen, und von der WM aus Ägypten kehrte er als „bester Linksaußen des Turniers“ mit einer Silbermedaille zurück. Ein Gespräch über Homeoffice, Helden und Handewitt.

Das Interview führte Zita Newerla für Handball Inside Ausgabe #38 (erschien am 10. April 2021)

Wie hast du das letzte Jahr erlebt?
Mir geht es ganz gut, vielen Dank. Wir erleben gerade besondere Zeiten, doch erst gestern habe ich mit meinen Teamkollegen darüber sinniert, was für ein großes Glück wir haben, uns täglich sehen zu können und während der Pandemie nicht einsam im Homeoffice herumsitzen zu müssen.

Deine Heimat Schweden geht mit der aktuellen Situation etwas anders um.
Das stimmt. In Schweden sind Geschäfte und Restaurants mit einigen Auflagen geöffnet und das Leben verläuft mit paar Einschränkungen weitestgehend normal. Meine Familie wollte sich schon mehrfach in Flensburg ankündigen und sie verstehen nicht wirklich, warum wir uns im Moment nicht wiedersehen dürfen. Aber beschweren kann ich mich trotzdem nicht. Ich bin im Gegensatz zu vielen Künstlern oder Barbesitzern sehr pri-vilegiert und kann immer noch meiner Arbeit nachgehen.

Allerdings hast du ja auch so etwas wie Homeoffice erlebt, als du zur Jahreswende in Quarantäne musstest.
Das fühlte sich wirklich wie eine Strafe an, wie Hausarrest. Meine Freundin wurde positiv auf Corona getestet, in meinem Fall war daraufhin die Anordnung der Quarantäne aber eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Musstest du ein Hygienekonzept für die eigenen vier Wände entwickeln?
Das kann man so sagen (lacht). Unsere Wohnung ist glücklicherweise groß genug, so konnten wir uns ganz gut aus dem Weg gehen. Daniela war auf dem oberen Stockwerk und ich hielt mich eine Etage tiefer auf. Wir sind uns nie näher als fünf Meter gekommen.

Mein Teamkollege und Freund Jim Gottfridsson hat uns Lebensmittel vor die Tür gestellt.

Wie hat das dann im Tagesgeschäft funktioniert?
Mein Teamkollege und Freund Jim Gottfridsson hat uns Lebensmittel vor die Tür gestellt. Ich habe das Essen vorbereitet und die Teller für Daniela auf die Treppe gestellt und nach dem Abräumen wurde alles desinfiziert. Zwischendurch habe ich immer wieder meine Hände gewaschen. Getroffen haben wir uns über 14 Tage gar nicht und so bin ich auch nicht angesteckt worden.

Wie habt ihr in dieser Zeit miteinander kommuniziert?
Ausschließlich über Face-Time. Das war wirklich etwas merkwürdig, wenn ich mir das so überlege.

Obwohl du nach vielen Jahren der Fernbeziehung mit der Handballerin Daniela Gustin doch ein FaceTime-Profi sein müsstest.
Das stimmt. Daniela und ich sind seit unserer Schulzeit zusammen. In meinem ersten Jahr in Flensburg war sie hier, dann spielte sie in Berlin, in Dänemark und in Bietigheim. Jetzt steht sie wieder in Dänemark unter Vertrag und wir können endlich wieder zusammenwohnen.

In Handewitt genieße ich wiederum die absolute Ruhe.“

Dann bist du auch durch die Beziehung viel in Deutschland herumgekommen.
Ja, ich war schon viel unterwegs. Und nach vielen Jahren kann ich sagen, dass Berlin meine Lieblingsstadt in Deutschland ist. Kurz danach kommt dann Handewitt (lacht).

Gegensätzlicher könnte diese Auswahl nicht sein.
Eigentlich bin ich ein Großstadtkind. Ich bin in Göteborg, in der zweitgrößten Stadt Schwedens, aufgewachsen. Als ich zum ersten Mal in Berlin war, kam mir vieles total vertraut vor. Die Leute sind komplett entspannt und die meisten Bezirke sind so cool und retro. Zudem ist Berlin eine Wahnsinnsstadt mit einer großen Geschichte. In Handewitt genieße ich wiederum die absolute Ruhe.

Welche Ecke Deutschlands kennst du noch?
Nach fast neun Jahren in der Bundesliga kann ich behaupten, dass ich inzwischen fast überall, aber nirgendwo so richtig war. Du kommst in Wetzlar, Mannheim oder Magdeburg an, siehst das Hotel, machst einen kleinen Spaziergang und dann fährst du in die Halle. Das reicht gerade, um kurze Impressionen zu sammeln. Zum Karneval nach Köln oder zum Oktoberfest nach München habe ich es allerdings noch nie geschafft. Die einzigen Städte, wo ich mitreden könnte, sind: Berlin, Hamburg, Kiel, Bietigheim und so ein bisschen auch Stuttgart. Es ist sehr interessant, wie unterschiedlich diese Städte wirken. Wenn man beispielsweise Stuttgart anschaut: Nirgendwo habe ich so viele teure Autos von deutschen Herstellern auf einem Fleck gesehen. Porsche, Mercedes und BMW so weit das Auge reicht. In Berlin wiederum macht jeder Car Sharing oder fährt Fahrrad. Hier wird Individualität großgeschrieben, egal ob es um Mode, Clubs oder Menschen geht. Und Hamburg ist definitiv die sauberste Stadt, die ich kenne.

Mit einem zweiten Platz kann man nur sehr schwer zufrieden sein.

Was ist der Grund, dass in der Aufzählung auch Kiel auftaucht – die Lebensmittelabteilung von IKEA vielleicht?
IKEA ist für uns Schweden immer ein gutes Argument. Aber ich habe mich lieber in der Stadt mit einem Freund verabredet. Lukas Nilsson hat in Kiel gelebt und wir haben uns oft gegenseitig besucht. Die lustigere Frage wäre also: Wieso kennt ein Ex-Kieler Handewitt? Wobei ich auch sagen muss, dass mir einige Städte, wie Hamburg zum Beispiel, ein richtiges Rätsel aufgeben.

Hamburg soll doch ein bisschen wie Stockholm sein.
Das stimmt. Alles ist elegant, die Leute haben es eilig und vie-les sieht nach dem großen Business aus. Aber dann kommt man nach St. Pauli und denkt, hey, wie bin ich auf Mallorca gelandet? Ich werde diesen Kiez nie verstehen.

Mit der Nationalmannschaft kommst du auch viel herum. Aus Ägypten konntest du sogar WM-Silber mitnehmen. Herzli-chen Glückwunsch!
Danke. Doch mit einem zweiten Platz kann man nur sehr schwer zufrieden sein. Zuerst war ich sogar richtig enttäuscht.

Wieso?
Hätten wir Gold geholt, wären wir jetzt unsterblich. Mit etwas Abstand muss ich aber auch sagen, dass die Silbermedaille ein großer Erfolg für den schwedischen Handball ist. Wir sind mit zehn Debütanten und einem neuen Trainerteam nach Ägypten gereist und nicht mal wir selbst konnten wirklich einschätzen, wo wir genau sportlich stehen und wie unsere Chancen sind.

Wie viele Trainingseinheiten hatte Ihr Team vor der WM zusammen?
Es waren genau zwei. Fast jeder kam vorher irgendwie, irgendwo in eine Quarantäne, von einer richtigen Vorbereitung kann man also auch mit bestem Willen nicht sprechen.

Wann hast du realisiert, dass die Mannschaft dennoch etwas reißen kann?
Schon während der ersten Spiele gab es ein blindes Verständnis füreinander. Jim hat alles genial gesteuert, unser Spiel war sehr klar und alles hat perfekt funktioniert. Wir waren während der WM die Mannschaft mit den wenigsten technischen Fehlern. Wir zogen am gleichen Strang und kämpften gemeinsam. Dass die Rädchen in so kurzer Zeit so gut ineinandergreifen, habe ich vorher noch nie erlebt. Parallel zu unserem Selbstvertrauen wuchs dann auch in Schweden das Interesse für die Handball-Weltmeisterschaft und natürlich auch für unser Team. Das Halbfinale gegen Frankreich haben zwei Millionen Menschen angeschaut.

Hey Kenny, was ist das Problem, kannst Du nicht pinkeln?

Sogar die königliche Familie hat während der WM ein Bild von sich vor dem Fernseher gepostet.
Das habe ich gesehen! Wir hatten auch schon mal königlichen Besuch auf der Tribüne – ich finde das ziemlich cool.

Eine Frage haben sich die Zuschauer oft gestellt: Wieso hat dein Trainer Glenn Solberg während der Auszeiten nie gesprochen?
Die Frage könnte Glenn eigentlich am besten beantworten. Wenn du einen der genialsten Handballköpfe wie Jim im Team hast, wieso solltest du ihn nicht diesen Part übernehmen lassen? Das zuzulassen ist in meinen Augen eine große Stärke unseres Trainers.

Wie kamst du mit der viel zitierten WM-Bubble klar?
Wenn du eine WM spielst, bist du eigentlich immer in einer Bubble. Schließlich bist du nicht in einem Ferienlager. Du willst dich konzentrieren, die Spiele gewinnen und fertig. Meinen Kumpels Lasse Svan oder Kevin Möller aus der Ferne zuzuwinken, war trotzdem komisch. Unter normalen Umständen hätten wir zumindest einen Kaffee zusammen getrunken. Nur mit Kentin Mahé konnte ich länger sprechen.

Auch per FaceTime, oder wie kam es dazu?
Das war ein lustiger Zufall. Nach dem Halbfinalspiel musste ich zur Dopingkontrolle. Während ich warten musste, hörte ich aus dem Nebenzimmer, wie jemand auf Französisch rumschimpfte. Die Stimme erkannte ich sofort und rief rüber: Hey Kenny, was ist das Problem, kannst Du nicht pinkeln? Er lachte, rief laut etwas Lustiges zurück und wir begannen eine lange Unterhaltung, indem wir immer etwas zu dem anderen rüber gerufen haben, ohne uns dabei zu sehen. Die Security-Mitarbeiter vor der Tür müssen wirklich gedacht haben, dass wir zwei absolute Idioten sind. Auf dem Rückweg ins Hotel konnten wir unser Gespräch dann in normaler Lautstärke fortsetzen. In Kairo wohnen 20 Millionen Menschen, wir waren gemeinsam fast eine Stunde durch den Stau unterwegs.

Ging es bei dem Gespräch um Handball?
Kenny hat mir zum Sieg gratuliert und dann haben wir uns privat upgedatet. Ich durfte beispielsweise viele Babybilder von seinem neugeborenen Sohn sehen.

Am Ende des Turniers wurdest du ins All-Star-Team der WM gewählt – herzlichen Glückwunsch!
Vielen Dank. Ich habe mich zwar über diese persönliche Auszeichnung gefreut, aber den den All-Star-Titel würde ich ohne zu zögern jederzeit gegen die WM-Goldmedaille für das Team eintauschen.

Er wiederum hatte keine Ahnung, wer ich bin

Das klingt nach einer gemäßigten Freude. Was war das schönste Kompliment, das du je über dich gehört hast?
Bei unserem Champions League-Halbfinalspiel 2014 gegen Barcelona hat Ljubo Vranjes etwas sehr Schönes zu mir gesagt. Damals war ich so ein kleines Licht, hatte Anders Eggert auf der Position vor mir und durfte trotzdem in diesem wichtigen Spiel auf die Platte, um dort einige Tore zu machen. Da sagte Ljubo zu mir zwischendurch: „Hey, Du bist echt gut.“ Das war für mich das schönste Kompliment überhaupt.

Wenige Minuten später hast du mit deinem legendären Siebenmeter-Wurf gegen Barcas Superstar Saric den spektakulärsten Treffer des ganzen Halbfinals erzielt.
Dabei hatte ich den Vorteil, dass ich Saric seit vielen Jahren bestens kannte. Er wiederum hatte keine Ahnung, wer ich bin (lacht).

Das hat sich dann binnen Sekunden geändert. Wie oft hast du dir diese Szene schon angeschaut?
Gar nicht so oft. Aber dieser Treffer ist eine sehr schöne Erinnerung geblieben.

Wenn du zur Siebenmeter-Linie läufst, weißt du schon im Vorfeld, wohin du wirfst?
Das wäre fatal.

Wie arbeitest du daran, den Torwart jedes Mal vor neue Aufgaben stellen zu können?
Bis ich beispielsweise das Niveau von Anders Eggert erreichen kann, muss ich noch viel lernen. Bei der SG habe ich das Glück, auch mit Lars Christiansen arbeiten zu können, der mit seinem speziellen Trainingsprogramm besonders uns Außenspielern hilft. Oft sind es nur ganz kleine Verbesserungsvorschläge und Tipps von ihm, die im Spiel dann den großen Unterschied ausmachen.

Bei der SG ist deine Position seit vielen Jahren hochkarätig besetzt. Wer gehört generell von den Linksaußen für dich persönlich in den Handballolymp?
Ich bin ein Fan von Michaël Guigou. Vielleicht ist er nicht der auffälligste Handballer. Wenn man aber seine wichtigsten Spiele mit der Nationalmannschaft, vom Viertelfinale bis zum Finale, anschaut, dann war er jedes Mal einfach phänomenal, und so ist Guigou für mich ein absoluter Gewinner. Mein Idol war allerdings immer auch Lars Christiansen. Er war nicht nur spektakulär, Lars hatte über 14 Jahre einen Durchschnitt von 7,5 Tore in jedem Spiel. Das ist der Wahnsinn.

Die Idee von der Unsterblichkeit gefällt mir gut.

Wenn der Name Hampus Wanne fällt, kommen Experten auch schnell ins Schwärmen.
Das ist natürlich schön. Die Fußstapfen bei der SG sind schon nicht ohne (lacht). Ich wollte mich zwar nie mit Eggert und Christiansen vergleichen, sie waren komplett andere Typen, wahre Zauberer, mit Drehern und Hebern, während ich mehr mit Kraft spiele. Auch wenn ich mich nicht gerne mit meinen Vorgängern vergleiche, habe ich den Ehrgeiz, Lars und Eggi zu überholen, was die Anzahl der gewonnenen Titel mit der SG betrifft. Da bin ich mittlerweile auf einem guten Weg. Natürlich muss man auch immer sagen, dass auf Außen zu spielen bei der SG besonders viel Spaß macht. Du musst ja auch die Bälle bekommen, um Tore erzielen zu können. Kiel beispielsweise hat auch gute Leute auf der Position – die traditionell nicht annährend so viele Tore machen können wie die Flensburger.

Konntest du den WM-Drive für die weiteren Spiele in der Liga und in der Champions League mitnehmen?
Ich war eher komplett platt. Aus Kairo ging es für mich über einen kurzen Abstecher in Flensburg direkt zum CL-Spiel nach Weißrussland. Ich wusste zunächst gar nicht richtig, wo ich bin. Trotzdem haben wir uns zusammengerissen und konnten das Spiel gewinnen. Wir sind Profis und haben immer Spaß am Spiel – aber diese Saison verlangt uns richtig viel ab, das muss man auch sagen.

Die SG belegt sogar die Spitzenposition in der Gruppe A der Champions League. Steht das FINAL4 2021 in Köln bereits auf deinem Plan?
Wir werden sehen. Ich will mit der SG auf jeden Fall allesmindestens noch einmal gewinnen (lacht).

Magst du die Favoritenrolle?
Die Frage stellt sich inzwischen gar nicht mehr. Wenn man zweimal Deutscher Meister geworden ist und seit Jahren oben mitspielt, dann ist dein Team in den meisten Situatio-nen automatisch der Favorit. Ich kann mich glücklicherweise auch an keine Situation erinnern, wo wir chancenlos gewesen wären.

Auch Team Schweden wird sich in der Zukunft nicht als Underdog verstecken können.
Das ist nach der WM sicherlich so. Aber ich habe damit kein Problem (lacht). Immerhin will ich unbedingt noch WM-Gold mit dem Team holen. Die Idee von der Unsterblichkeit gefällt mir gut.

Hampus Wanne Player of the year 2021

Schweden´s „Player of the Year 2021“
Hampus Wanne wurde als Player of the Year 2021 gekürt. Das haben in den letzten 20 Jahren nur drei Außenspieler hinbekommen.

Foto: Tommy Holl