Uwe Gensheimer trinkt Kaffee

Besonderer Freundschaftsmoment

Die Kolumne von Uwe Gensheimer

aus der Handball Inside #42
(erscheint am 22. Dezember 2021)

21. Dezember 2021

Wenn der DHB rief, hieß es für mich über viele Jahre: Tasche packen, Tschüss sagen, Abfahrt. Anfang November ging es für mich wieder zur Nationalmannschaft, doch jetzt war alles anders.

Für diese kurze Reise musste ich nicht einmal meine Tasche packen. Als ich dann die Haustür hinter mir zuzog, begannen schon kleine Zweifel in meinem Kopf herumzukreisen. Für mich war es einfach noch nicht vorstellbar, wie sich der Besuch beim „Tag des Handballs“ in Düsseldorf jetzt aus der Perspektive eines Zuschauers anfühlen sollte. Wird das vielleicht zu sentimental? Muss ich sogar Tränen verdrücken oder bereue ich am Ende womöglich sogar meine Entscheidung, den Rücktritt aus der Nationalmannschaft? Dieses komische Gedanken-Karussell löste sich allerdings immer weiter auf, je näher ich Düsseldorf kam, und als ich endlich bei der Arena eintraf, freute ich mich einfach nur noch darauf, meine alten Teamkollegen hier wiederzutreffen.

„Für mich war es einfach noch nicht vorstellbar, wie sich der Besuch beim „Tag des Handballs“ in Düsseldorf jetzt aus der Perspektive eines Zuschauers anfühlen sollte.“

Die offizielle Verabschiedung aus der Nationalmannschaft wurde von den Organisatoren in die Halbzeitpause der Begegnung Deutschland vs. Portugal gelegt. Alles in allem ein würdiger Rahmen, zumal der Schlusspunkt der DHB-Karriere für verdiente Spieler aus unterschiedlichsten Gründen lange nicht mehr so vom Verband zelebriert wurde. Als ich für die Ehrung auf das Handballfeld lief, verspürte ich keinen Wehmut. Für mich war klar: Der Zeitpunkt der Entscheidung, meine Nationalmannschafts-Karriere zu beenden, war genau richtig. Zwischen An- und Abpfiff, Applaus, Abklatschen, Umarmungen, Blumenstrauß und dem Sieg der deutschen Mannschaft gab es an diesem Tag für mich dann noch diesen einen, ganz besonderen „Freundschaftsmoment“.

„Der Zeitpunkt der Entscheidung, meine Nationalmannschafts-Karriere zu beenden, war genau richtig.“

Nicht nur, weil mein langjähriger Wegbegleiter Steffen Weinhold und ich zusammen verabschiedet wurden. Als Raffi und ich, gemeinsam mit Martin Strobel, auf der Tribüne saßen, um uns von da die zweite Halbzeit anzuschauen, spürte ich plötzlich diese enge Vertrautheit. Genauso hockten wir auch vor 20 Jahren nebeneinander, am Anfang unserer Handball-Karriere, voller Pläne und Träume, bevor wir die ersten Schritte in Richtung Profileben gemacht haben. Klar, heute sind es hauptsächlich „Erwachsenen-Themen“, wie Kinder, Haus und Karriere. Aber wenn wir uns sehen, werden auch schon mal die außergewöhnlichen Geschichten über unendliche Busreisen, Auswärtsfahrten mit verlorenen Gepäckstücken oder verrückte spontane Partys aufgewärmt. Und nun saßen wir wieder alle gemeinsam hier und schauten dem neuen deutschen Team zu. Unser Anblick muss in dem Moment wahrscheinlich für einige sinnbildlich für die Wachablösung gestanden haben. Nach dem Abpfiff sind wir wie gewohnt dennoch in die Kabine gegangen, haben mit den Jungs gequatscht und ihnen einfach auch einiges an Obst und Schokoriegel weggegessen.

„Genauso hockten wir auch vor 20 Jahren nebeneinander, am Anfang unserer Handball-Karriere, voller Pläne und Träume, bevor wir die ersten Schritte in Richtung Profileben gemacht haben.“

Johannes Golla wird dem Team ein guter Kapitän sein. Seine enorme Disziplin und seine kämpferische Art auf dem Handballfeld werden dem jungen Abwehrchef dabei helfen. Die Rolle passt gut zu ihm und er wird schnell in seine neue Aufgabe hineinwachsen, da bin ich sicher. Das Löwen-Trikot trage ich noch bis mindestens 2024. Ich freue mich darauf, trotz der Tatsache, dass wir aktuell die schwierigste Phase der Vereinsgeschichte durchleben müssen. Sportlich hatten wir bisher wenig Glück und wenn man dann mehrere Spiele in der letzten Sekunde verliert, wie gegen Leipzig und Melsungen, trägt das nicht gerade zu einer Aufbruchsstimmung bei, die wir dringend bräuchten. Es passiert leider zu oft genau das Gegenteil: Hängende Köpfe, schlechte Laune und die mühsame Suche nach Antworten. Doch diese Antworten werden wir finden – denn aufzugeben war für uns Löwen noch nie eine Option!

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