Mein Gastspiel am Mikrofon

Die Kolumne von Uwe Gensheimer

aus der Handball Inside #45

Erscheint am 15. Juni 2023

Mein Heilungsprozess verläuft ganz gut, die Zeit des Spezialschuhs, der mich mehrere Wochen als „modisches Accessoire“ begleitete, ist endlich vorbei und inzwischen darf ich meine Ferse wieder soweit belasten, dass ich schon bald mit kurzen Laufeinheiten starten kann!

Es funktioniert also alles wie geplant. Ich bin weiterhin jeden Tag bei der Mannschaft und schwitze fleißig beim Krafttraining. Gelangweilt habe ich mich seit meiner Achillessehnen-OP jedenfalls keinen einzigen Tag. Kürzlich war ich sogar als TV-Experte gefordert. Für mich nicht das erste Mal, bereits während der Weltmeisterschaft 2013 war ich für den Sender SPORT1 im Einsatz. Dennoch fand ich es ziemlich spannend, denn meine Premiere am Mikro ist immerhin schon lange her und die Viertelfinal-Paarungen der EHF Champions League hatten es wirklich in sich. Flensburg gegen Barcelona und Kiel vs. Paris – die Spiele hätte ich mir auf jeden Fall angeschaut, als TVExperte konnte ich nun dazu auch noch ein bisschen was erzählen.

„Seitdem habe ich großes Verständnis für alle Moderatoren und Kommentatoren, die in solchen Situationen einen trockenen Hals bekommen.“

Wer allerdings denkt, dass ich dafür extra in ein DAZN-Studio nach München, Köln oder Hamburg reisen musste, wird überrascht sein: Sportjournalist Uwe Semrau kommentiert die Spiele oft aus seinem Büro – und dieses Arbeitszimmer ist in der Pfalz, gerade mal 25 Minuten von meinem Zuhause entfernt. Somit war es eine ganz gemütliche Angelegenheit. Im Vorfeld fand ich die Idee, als Experte den ganzen Spieltag mit gleich zwei Partien zu begleiten, ganz spannend. Als das zweite Spiel allerdings für fast 20 Minuten unterbrochen wurde und wir die Zeit mit einem langen Dialog überbrücken mussten, seitdem habe ich großes Verständnis für alle Moderatoren und Kommentatoren, die in solchen Situationen einen trockenen Hals bekommen.

„Die schwierigste Aufgabe als Spieler in der Rolle des Experten ist, andere Spieler kritisieren zu müssen und deren Fehler zu analysieren.“

Der traurige Grund für diese unvorhergesehene Spielpause war ein Unfall. Ein hitziger Fan stürzte von der Balustrade und verletzte dabei sich und eine weitere Person. Ich kenne in Paris nicht nur die Halle – auch die leidenschaftlichen Fans sind mir noch gut in Erinnerung geblieben. Ich weiß, dass diese Jungs ziemlich euphorisch bei der Sache sind. Zu einem solchen Unfall kam es allerdings das erste Mal. Im Anschluss habe ich erfahren, dass die Verletzungen glücklicherweise nicht lebensbedrohlich waren. Als Experte sympathisiere ich natürlich mit den deutschen Teams. Gerade bei der ersten Begegnung, Flensburg vs. Barcelona, ist mir das überhaupt nicht schwergefallen. Leider kam die SG nicht so gut ins Spiel. Die schwierigste Aufgabe als Spieler in der Rolle des Experten ist, andere Spieler kritisieren
zu müssen und deren Fehler zu analysieren. Auch ich weiß aufgrund eigener Erfahrungen ja schließlich bestens, wie ein sieben-Tore-Rückstand auf dem Spielfeld zustande kommen kann. Deswegen habe ich in erster Linie versucht, ein Verständnis für so eine Situation bei den Zuschauern zu entwickeln. Die Flensburger holten dann zwar wieder auf, die Sensation blieb letztlich aber leider aus.

„Es ist gut und wichtig, dass mindestens ein deutsches Team in Köln die stärkste Liga der Welt vertritt und mit den Besten der Besten um die wichtigste Club-Trophäe kämpft.“

Beim zweiten Spiel musste ich mich ein wenig zusammenreißen. Selbstverständlich war ich für den THW. Allerdings sah ich auf dem Bildschirm ja auch die Gesichter meiner ehemaligen Teamkollegen aus Paris, deren größter Traum vom Gewinn der Champions League schon bei diesem Spiel in weite Ferne gerückt und eine Woche später geplatzt ist. Auch dieses Gefühl kenne ich gut … Der THW Kiel steht verdient im FINAL4. Es ist gut und wichtig, dass mindestens ein deutsches Team in Köln die stärkste Liga der Welt vertritt und mit den Besten der Besten um die wichtigste Club-Trophäe kämpft. Die Spiele werde ich mir bestimmt anschauen – vielleicht in Köln, vielleicht vor dem Fernseher, vielleicht aber auch wieder in Uwe Semraus Büro.

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